lieber leser,
hand aufs herz und butter bei die fische: ohne dich geht ja nichts-
wie ich hier so sitze und nachdenke über unser verhältnis, da fällt mir auf: es ist doch fast eine partnerschaft (kein grund zur eifersucht, sehr verehrter leser-partner), die wir führen, wir schicken uns gegenseitig auf reisen, wir tauschen uns aus, wir setzen uns auseinander mit denselben themen, aber immer aus einer eigenen perspektive, wir müssen uns jeder einbringen mit aller kraft und all dem erlebten, damit es klappt, wir müssen nicht zu lösungen kommen, aber wir wollen uns irritieren lassen vom anderen, uns bewegen, mitnehmen lassen, uns einlassen. oder?
ich jedenfalls könnte mich nicht aufmachen, recherchieren, reisen, eintauchen, ja: mir das leben überall dort ansehen, wo es mir spannend erscheint, wenn ich nicht die rechtfertigung hätte, dir später davon zu berichten, du machst meine neugierde, meinen mitteilungswunsch zu einem job. später sitze ich vor meiner tastatur und frage mich, wie das erlebte bei dir ankommen wird, wie du es lesen, verstehen, deuten wirst, was bei dir ankommt, was dich irritiert, was es in deinem kopf veranstaltet, welchen tanz es aufführt.
und immer freue ich mich, wenn ich merke, dass eine geschichte unser beider baby ist. ich gehe raus und fange momente, figuren, themen ein und setze mich hin und denke und bastele und säge und feile und irgendwann schicke ich die geschichte raus in die welt, aber erst bei dir wird sie zu dem, was sie im besten falle sein kann: ein ort für gedanken, gefühle, eine kiste voller ideen – und zwar nicht meinen, sondern unseren. erst wenn du die geschichte liest oder ich sie dir vorlese, erst dann ist sie wirklich da und in der welt. und erst, wenn sie bei dir war, wird mir klar, was sie eigentlich ist, was sie vielleicht /auch/ ist, erst wenn ich mich mit dir unterhalte oder du mir eine mail schreibst oder ich nur die stimmung im raum greife, in dem ich dir vorgelesen habe oder über eine aus der dunkelheit gestellte frage nachdenke, merke ich, dass du, beim lesen oder zuhören, aus einer geschichte, die mal meine war, eine andere machst, nämlich eine zwischen uns. du entdeckst mit deinem blick, deinem ohr, deinem leben vor dieser geschichte ganz andere seiten, themen, probleme, witze als ich selbst in meiner geschichte vermutet (oder angelegt) habe. und dann eben ist es nicht mehr meine geschichte, sondern unsere geschichte.
ich glaube manchmal, du weißt gar nicht oder viel zu wenig, wie wichtig deine mitarbeit für mein schreiben ist. deshalb an dieser stelle wirklich und ausdrücklich: danke! danke sehr!
(lesungen übrigens, die ich ja oft und gerne mache, und bei denen du weniger leser als vielmehr zuhörer bist, aber doch in derselben rolle, sind unfassbar wichtig für mich (und vielleicht auch für dich?). hier erst merke ich so richtig, ob eine geschichte funktioniert, ob sie ankommt, verstanden wird, ob sie dir wege zu ihrem inneren anbietet, dich kitzelt, zieht, reizt oder fasziniert. hier merke ich, ob ich die sätze für mich oder für dich geschrieben habe, ob es mir freude bereitet, sie wort für wort in unseren raum zu stellen oder ob ich über sie hinweghasten muss, um zu kaschieren, dass sie noch nicht das ist, was uns zu mitstreitern, zu partnern macht.)
finn.
Finn-Ole Heinrich stammt aus – weils gar so schön exotisch klingt – Henstedt-Ulzburg und hat zuletzt einen Erzählungsband mit dem schönen Titel “Gestern war auch schon ein Tag” veröffentlicht.